{"id":357,"date":"2020-05-05T21:26:19","date_gmt":"2020-05-05T19:26:19","guid":{"rendered":"https:\/\/coronageschichten.info\/?p=357"},"modified":"2020-05-06T16:49:47","modified_gmt":"2020-05-06T14:49:47","slug":"das-riesenrad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/coronageschichten.info\/?p=357","title":{"rendered":"Das Riesenrad"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>AUTOR: Marc Gro\u00df<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Tief drin, im Innersten meines Selbst, da verbirgt sich so eine Angst, eine Angst, die gr\u00f6\u00dfer ist als alles das, was war und als alles das, was sein wird. Kaum greifbar, aber immer auch um mich rum. So wie ein klitzekleiner Schatten. Ein Wispern von fern. Ein rauschender Grund, der mir manchmal meinen Fokus nimmt.<\/p>\n<p>Der mir manchmal das kr\u00f6nende I-T\u00fcpfelchen raubt.<\/p>\n<p>Der sich als Eselsohr in mein Lieblingsbuch einschleicht.<\/p>\n<p>Das seichte, ungute Gef\u00fchl, meist von hinten rechts.<\/p>\n<p>Doch mit einer einfach von links strahlenden Rotlichtlampe komm ich ihm nicht bei. Und ich hab wirklich alles versucht.<\/p>\n<p>Mich entgegen der Uhr gewunden.<\/p>\n<p>Mich nochmal ganz von vorn, mit meinen damals kaum sichtbaren H\u00e4nden selbst entbunden.<\/p>\n<p>Mich mal in so eine Frau gedacht. Ok, versucht. Gelacht.<\/p>\n<p>Geweint, allein und auch vereint.<\/p>\n<p>Mit dir und mir im Gestern, wie im Hier.<\/p>\n<p>Stahl ich so manches Ohr.<\/p>\n<p>Malte auch mal so nen bunt getupften Chor.<\/p>\n<p>Doch was da immer blieb, das war der Dieb, der kleine Schmerz, das Bittere an einem Scherz.<\/p>\n<p>Wenn ich Dinge in mir drin nicht verstehe und das kommt ab und an mal vor, dann versuche ich tief in mich reinzuh\u00f6ren. Dadurch lerne ich mich wieder und wieder neu kennen. \u00dcber die Jahre habe ich dadurch ein Ma\u00df f\u00fcr mich gefunden, was mich vor Entfremdung sch\u00fctzen soll.<\/p>\n<p>Der Schatten nun, wuchs immer dann wenn die Herausforderungen, die mir begegneten neu und gr\u00f6\u00dfer wurden. Er ergriff mich dann immer so rund um die Magengegend. So ein vibrierender Druck, der mich unter Spannung setzte. Irgendwas Komplexes, nicht Schichtbares. Ich vermochte es nicht, ihn scheibchenweise zu entzerren. H\u00e4ufig sa\u00df ich dann in einem Riesenrad kurz vor dem h\u00f6chsten Punkt. Die Aussicht fast HD und doch auch immer klamm. Gerade dann, wenn es am Sch\u00f6nsten war, wenn meine kleine Tochter Pippi Langstrumpf in mein Sichtfeld stolperte, die neben mir vollgestopft mit Mut hin oder her ruckelte und st\u00e4ndig \u201eNochmal Pappa, Nochmal&#8220; rief, war es mir kurz bang.<\/p>\n<p>Am Tag, an dem ich das Virus das erste Mal wahrnahm, war es nur kurz wie auf dem Riesenrad. Obschon, legte ich Corona auf unbestimmte Wiedervorlage. Nat\u00fcrlich sponn ich grad noch ein paar Verschw\u00f6rungsf\u00e4den und sonderte rundum wissenschaftlich klingende Nachrichten an meinen Freundeskreis ab.<\/p>\n<p><strong>Randnotiz an mich:<\/strong><\/p>\n<p>Demut ist der Mut sich einzuordnen, ohne sich dabei zu verlieren.<\/p>\n<p>Demut ist die Hoffnung, dass da auch noch andere sind, die sich nicht verlieren.<\/p>\n<p>Demut ist ein selbstgewebter Vorhang, unter den man schl\u00fcpft, wenn man sein Ma\u00df im Lot hat, ohne sich dabei zu verlieren.<\/p>\n<p>Wochen sp\u00e4ter, verlor ich mich.<\/p>\n<p>Tag um Tag.<\/p>\n<p>Fall um Fall.<\/p>\n<p>Zahl um Zahl.<\/p>\n<p>Region um Region.<\/p>\n<p>Opfer um Opfer.<\/p>\n<p>Der Schatten wurde zu einem ungez\u00e4hmten Hei\u00dfluftballon, der mich mitriss. Jeden Tag pochte mein Sein, wie das Uhrwerk einer dieser verchromten Stoppuhren von einem cholerisch-begabten Leichtathletiktrainer aus den 80er Jahren. Ich fand mich inmitten von meterhohen Wellen wieder, die Ping Pong mit der Klarheit meiner Gedanken spielten.<\/p>\n<p>Und um ich rum ein ausgetrocknetes Flussbett, voll mit den wenigen Masken der Vergangenheit und leer durch den Bedarf an zuk\u00fcnftiger Vermummung. Menschen stochern in kurz aufkeimenden Feuchtbiotopen. Aber es sind derer nicht mehr viele, hier in der trockensavannigen Hitze dieser Tage.<\/p>\n<p>Aber Einige, von den Wenigen, diejenigen die eben doch da sind, die haben sich aufgemacht den Schatten zu jagen, gemeinsam anstatt einsam, gehen sie selbstlos voran und nageln das flammende rote Kreuz tats\u00e4chlich immer noch parit\u00e4tisch an jede verdammte Wand, die noch br\u00fcchig im staubigen Moloch wankt.<\/p>\n<p>Und sie machen sich auf, einfach anzupacken wo es geht. Eben da, wo der unsichtbare Schatten unaufh\u00f6rlich schwebt.<\/p>\n<p>So geben sie vom Wertvollsten was sie haben, w\u00e4hrend sich das Riesenrad nunmehr in aller Windeseile dreht. Von sich, ihrer Kraft und Energie, vom puren Menschsein. Und auch das Scheitern schreckt sie niemals nie.<\/p>\n<p><strong>Hommage an die Wenigen:<\/strong><\/p>\n<p>Nebel rieselt leicht durch meine Glieder.<\/p>\n<p>Alles schwebt in frisch gedehnter Ruh.<\/p>\n<p>Engel s\u00e4useln flauschig fromme Lieder.<\/p>\n<p>Und ich, ich denk an dich,<\/p>\n<p>so immerzu.<\/p>\n<p>Bl\u00fcten tummeln sich in leichten Kreisen.<\/p>\n<p>Alles dreht sich einmal ringsherum.<\/p>\n<p>Die ganze Welt scheint heute irgendwie auf Reisen.<\/p>\n<p>Und ich,<\/p>\n<p>ich summ dich leise. Manchmal stumm.<\/p>\n<p>Die Sonne blinzelt Wolkensch\u00e4fchen frei.<\/p>\n<p>Ein Himmelblau tropft j\u00e4h von dir zu mir.<\/p>\n<p>Was bleibt ist fr\u00fchromantisch, Malerei.<\/p>\n<p>Und ich,<\/p>\n<p>ich denk an mich nur noch als wir.<\/p>\n<p>Und wir, wir jagen jetzt den Schatten. Weil wir eben viele sind. Er befeuert unser Riesenrad so gut es geht. Doch wir werden mehr. Finden Wege aus der Trockenheit auf Sicht. Denn der Mut der Anderen, die so unverdrossen wandern, der besticht.<\/p>\n<p>Zu Beginn, tief drin, im Innersten meines Selbst, da verbarg sich so eine Angst, eine Angst, die gr\u00f6\u00dfer war als, alles das was war und als alles das was sein wird. Kaum greifbar aber immer auch so um mich rum. So wie ein klitzekleiner Schatten. Ein Wispern von fern. Ein rauschender Grund, der mir manchmal meinen Fokus nimmt.<\/p>\n<p>Der mir jetzt manchmal ein kleines hoffnungsvolles L\u00e4cheln entzaubert<\/p>\n<p>Der eine T\u00fcte voll Gemeinschaft \u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Der immer noch das seichte, ungute Gef\u00fchl, meist von hinten rechts ist<\/p>\n<p>Aber eben anders!<\/p>\n<p>Am Tag, an dem wir das Virus das letzte Mal wahrnahmen, war es nur kurz wie damals auf dem Riesenrad. Wir l\u00f6schten unsere Wiedervorlagen. Und nat\u00fcrlich sponnen wir ein paar Verschw\u00f6rungsf\u00e4den und sonderten einige rundum wissenschaftlich klingende Nachrichten an unseren Freundeskreis ab.<\/p>\n<p>Aber wir sa\u00dfen gemeinsam mit Pippi Langstrumpf im Riesenrad und konnten nicht genug von uns kriegen. Es war ein schattiger Tag, der hinter uns lag und wir schlenderten Arm zu Arm zur Villa Kunterbunt.<\/p>\n<p>Und unsere Masken hingen nur noch locker am Bund.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Riesenrad Tief drin, im Innersten meines Selbst, da verbirgt sich so eine Angst, eine Angst, die gr\u00f6\u00dfer ist als alles das, was war und als alles das, was sein wird. Kaum greifbar, aber immer auch um mich rum. So wie ein klitzekleiner Schatten. Ein Wispern von fern. 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