{"id":404,"date":"2020-05-26T00:00:00","date_gmt":"2020-05-25T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/coronageschichten.info\/?p=404"},"modified":"2020-05-26T11:06:00","modified_gmt":"2020-05-26T09:06:00","slug":"nasen-mund-masken-100-jena","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/coronageschichten.info\/?p=404","title":{"rendered":"Nasen-Mund-Masken 100 % Jena"},"content":{"rendered":"<p>Mein Name ist Hannes Wolf, ich bin Citymanager in Jena und Mitarbeiter des Vereins Initiative Innenstadt Jena. W\u00e4hrend der Corona-Krise waren und sind unser Verein und vor allem unsere Mitglieder stark gefordert. Mit Einsatz und Ideen versuchen wir die Krise zu \u00fcberdauern und das Beste daraus zu machen. Ein Projekt, was in dieser Zeit entstanden ist, war der Aufbau einer semiindustrielle Maskenproduktion:<\/p>\n<p>Es ist Mitte M\u00e4rz und das Corona-Virus kommt langsam aber sicher im Bewusstsein der Menschen auch bei uns in Jena an. Nerv\u00f6se Mitarbeiter der Stadtverwaltung treffen sich mit Vorstandsmitgliedern der Initiative Innenstadt und berichten, dass demn\u00e4chst die Gastronomie und Hotellerie zumachen muss. Am n\u00e4chsten Tag gibt es die Allgemeinverf\u00fcgung dazu. Vier Tage sp\u00e4ter m\u00fcssen auch die Gesch\u00e4fte schlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Regierung und Virologen sprechen von 100.000en bis 1.000.000 Toten in Deutschland. Zum Gl\u00fcck kommt es (bisher) nicht so weit.<\/p>\n<p>Von Nasen-Mund-Masken oder gar einer Maskenpflicht war Mitte M\u00e4rz noch keinerlei Rede. Mittlerweile kennt sich jeder mit den Schutzklassen und dem Unterschied zwischen einer FFP2-Maske und einer Alltagsmaske aus. Trotzdem gab es schon Mitte M\u00e4rz Bedarfe an provisorischen Masken. Vor allem im Pflegebereich und in medizinischen Einrichtungen. Dort waren keine bzw. zu wenig professionelle Masken verf\u00fcgbar. Petra Wagner, mit ihrem Unternehmen prowandel Mitglied bei der Initiative Innenstadt, berichtete mir von diesem Bedarf. Sie wurde von einer befreundeten \u00c4rztin darauf angesprochen. Ich bin kein N\u00e4her und habe keine N\u00e4hmaschine, aber ich bin Netzwerker. Zwei andere Mitglieder der Initiative Innenstadt, das wusste ich, sind da Experten, n\u00e4mlich Vanessa K\u00f6nig vom Caf\u00e9 und Stoffladen Kabuff und Katja Stimmer von Fr\u00e4ulein Meier \u2013 Fachgesch\u00e4ft. Mit den beiden hat Petra Kontakt aufgenommen und ich dachte, fein, das hat sich erledigt, dann kamen aber dummerweise alle drei zur\u00fcck zu mir. Wir k\u00f6nnten doch ein Projekt stricken bzw. n\u00e4hen. N\u00e4mlich die Produktion von Nasen-Mund-Masken in relevanten Mengen und diese dann dorthin spenden, wo sie am dringendsten gebraucht werden. Endet der Text hier, hat mich jemand nein sagen h\u00f6ren? Ich denke nicht.<\/p>\n<p>Gemeinsam haben wir den Vorstand der Initiative Innenstadt Jena e.V. \u00fcberredet, 2.000 \u20ac zur Startfinanzierung in das Projekt zu stecken und mussten dann noch einen gemeinn\u00fctzigen Verein suchen, weil wir kein solcher sind und damit keine Spenden annehmen k\u00f6nnen. Den haben wir auf holprigen Wegen zum Gl\u00fcck irgendwann gefunden. Da hatten wir aber auch schon angefangen zu produzieren. Dankenswerterweise ist nach Vermittlung von Benjamin Spieler der Lions Club Jena Johann Friedrich (benannt nach unserem Hanfried) in die Bresche gesprungen.<\/p>\n<p>Wie gesagt lief die Produktion da bereits. Vanessa ist mit ihrem Unternehmen in Vorleistung gegangen und hat wahnsinnige Mengen Material bestellt, ohne dass es eine Finanzierung gab. Katja hat dutzende N\u00e4herInnen, mit durch Corona freigewordenen Kapazit\u00e4ten, aus ihrem \u201eBastel\u201c-Netzwerk generiert, die mit ihrer Arbeit ebenfalls in Vorleistung gegangen sind.<\/p>\n<p>Wir hatten uns vorgenommen 10.800 Masken zu produzieren, die durch Spenden zu finanzieren und dann an Organisationen zu verschenken. Das w\u00e4re ungef\u00e4hr ein Zehntel der Stadtbev\u00f6lkerung gewesen und in Handarbeit mit viel Blut, Schwei\u00df und Tr\u00e4nen irgendwie zu bew\u00e4ltigen. Mit den Spendeneinnahmen sollte das Material bezahlt werden und wir wollten die N\u00e4herInnen mit einer Aufwandspauschale ausstatten.<\/p>\n<p>Nach unserer Kalkulation brauchten wir daf\u00fcr knapp 65.000 \u20ac. 2.000 \u20ac hatten wir schon. Fehlte nur noch der \u201eRest\u201c.<\/p>\n<p>Mitten in diese Finanzierungsproblematik kam dann die Jenaer Maskenpflicht, die sich sp\u00e4ter in ganz Deutschland ausbreitete. Wir waren nicht so gl\u00fccklich dar\u00fcber, weil pl\u00f6tzlich alle (Jenaer) Welt von uns Masken haben wollte. Die Leute sind mir auf der Stra\u00dfe hinterher gerannt. Ich h\u00e4tte einen Bauchladen aufmachen k\u00f6nnen. Au\u00dferdem wurden die bis dahin ohne Auftr\u00e4ge vor sich hin leidenden N\u00e4herInnen nat\u00fcrlich mit Anfragen \u00fcberrannt. Das Projekt stand ziemlich auf der Kippe.<\/p>\n<p>Im Kontext der Maskenpflicht war auch ein sehr starkes mediales Interesse an unserer Maskenproduktion zu verzeichnen. Hier gab es aber fast immer eine Vermischung unseres Projektes mit der Allgemeinverf\u00fcgung. Es gab zahlreiche Berichte immer nach dem gleichen Schema. OB spricht \u00fcber Maskenpflicht \u2013 Bild dazu von uns: N\u00e4herInnen n\u00e4hen Masken. Wir wurden von JenaTV, MDR, ARD, ZDF, RTL und dem d\u00e4nischen Fernsehen interviewt. Au\u00dferdem waren wir in vielen Online- und Printmedien und aufgepasst: in der Super Illu! Alle Beteiligten sind nun sehr kameraerfahren und redegewandt und warten auf Angebote aus Hollywood oder Bollywood.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich hatten wir die Finanzierung auf die Beine gestellt. Dazu hatten wir eine Crowdfundingaktion gestartet und Spenden auch direkt \u00fcber die Lions gesammelt. Auch die Stadt hat ihr Gelds\u00e4ckel f\u00fcr uns ge\u00f6ffnet. Bei der Crowdfundingkampagne kam gleich zu Beginn ordentlich Geld zusammen, so dass die Finanzierungssorgen schrumpften.<\/p>\n<p>In der Hochzeit haben wir \u00fcber 500 Masken t\u00e4glich produziert, geheiratet hat aber niemand. Die Verteilung lief \u00fcber Petra, die Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen, Kitas, Ehrenamtliche, Hebammen usw. beliefert hat. Eine gro\u00dfe Menge Masken ging an die B\u00fcrgerstiftung, die von sich aus weiter verteilt hat.<\/p>\n<p>Am 20. April 2020 haben wir die Produktion abgeschlossen. Das Ziel der 10.800 Masken haben wir nicht erreicht, weil uns die Maskenpflicht \u00fcberrollt hat und wir nicht so schnell produzieren konnten, wie es Bedarf gab. Viele professionelle Unternehmen hatten zwischenzeitlich auf Maskenproduktion umgestellt und unser rein handwerkliches Produkt ist damit nat\u00fcrlich ein st\u00fcckweit in den Hintergrund getreten.<\/p>\n<p>Wir hatten in 26 Tagen 9.000 Nasen-Mund-Masken standardisiert in Handarbeit gefertigt. 50 N\u00e4herInnen waren beteiligt und haben 450 Meter Stoff, 19,5 Kilometer (!) Schr\u00e4gband, 9.000 Pfeifenreiniger und 100 Liter Schwei\u00df und Tr\u00e4nen verarbeitet<\/p>\n<p>87 Organisationen konnten beliefert werden. 299 Personen\/Institutionen unterst\u00fctzen das Projekt. 54.763 \u20ac konnten als Spenden und Einnahmen eingesammelt werden.<\/p>\n<p>Aus dem Solidarprojekt ist mittlerweile ein kommerzielles Projekt geworden, was den liebevoll, aus tollen Stoffen hergestellten Masken nat\u00fcrlich sehr entgegen kommt. Sie werden nun nicht mehr verschenkt, sondern nach gestalterischen Gesichtspunkten von Unternehmen im CI bestellt oder von Einzelpersonen nach Fashiongesichtspunkten gekauft.<\/p>\n<p>Mein gro\u00dfer Dank gilt allen Beteiligten: Petra Wagner f\u00fcr die Idee und die Tatkraft. Vanessa K\u00f6nig f\u00fcr Infrastruktur und Material und ihre Risikobereitschaft. Katja Stimmer f\u00fcr ihre sozialen und handwerklichen Skills, allen N\u00e4herInnen, den Lions, der Stadt und allen SpenderInnen.<\/p>\n<div class=\"ap-custom-wrapper\"><div class=\"ap-each-custom\"><div class=\"ap-custom-label\">von<\/div><!--ap-custom-label--><div class=\"ap-custom-value\">Hannes Wolf<\/div><!--ap-custom-value--><\/div><!--ap-each-custom--><\/div><!--ap-custom-wrapper-->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So haben 3+1 Personen eine semiindustrielle Maskenproduktion f\u00fcr einen guten Zweck aufgebaut und 9.000 Nasen-Mund-Masken hergestellt und verschenkt.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":403,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[33],"tags":[],"class_list":["post-404","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-coronageschichten"],"gutentor_comment":1,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/404","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=404"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/404\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":406,"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/404\/revisions\/406"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/403"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=404"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=404"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/coronageschichten.info\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=404"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}