{"id":531,"date":"2020-06-11T23:43:47","date_gmt":"2020-06-11T21:43:47","guid":{"rendered":"https:\/\/coronageschichten.info\/?p=531"},"modified":"2020-07-27T09:41:13","modified_gmt":"2020-07-27T07:41:13","slug":"erlebnisse-im-pflegeheim","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/coronageschichten.info\/?p=531","title":{"rendered":"Erlebnisse im Pflegeheim"},"content":{"rendered":"<p>Im November 2019 ist mein 80-j\u00e4hriger Mann in einem DRK-Pflegeheim aufgenommen worden. Ich habe ihn jahrelang selbst gepflegt, bis ich physisch und psychisch nicht mehr dazu in der Lage war. Er hatte vor Jahren einen Herzinfarkt, dazu folgten H\u00fcft-OP, Prostata-OP, Orbitalboden-OP nach Sturz, einige leichte Schlaganf\u00e4lle, immer wiederkehrendes Vorhofflimmern, Demenz, viele St\u00fcrze auf Grund seiner Bewegungseinschr\u00e4nkungen, St\u00f6rung des Tag- und Nachtrhythmus, Rollstuhl.<\/p>\n<p>Im Pflegeheim wurde er sehr liebevoll aufgenommen, f\u00fcr mich war es \u00e4u\u00dferst emotional. Ich wollte ihn nie ins Pflegeheim geben und doch schaffe ich es nicht mehr, war \u00fcberfordert, der Schlaf fehlte. Mein schlechtes Gewissen plagt mich, obwohl jeder sagt: ,,Es ist richtig so.\u201c. Ich wei\u00df es auch, aber \u2026<\/p>\n<p>Die \u00c4rzte raten mir schon im Sommer zu diesem Schritt, aber ich will es schaffen, alleine. Und allein war ich in jeder Beziehung \u2013 keine Hilfe!<\/p>\n<p>Ich besuche ihn t\u00e4glich im Heim. Anfangs will er immer nach Hause, die Eingew\u00f6hnungszeit dauert. Eine Pflegerin fragt, ob es ihm hier nicht gefalle und er antwortet: ,,Doch.\u201c Und strahlt sie an. F\u00fcr mich ein Gl\u00fccksgef\u00fchl und Hoffnungsschimmer. Es wird schon werden.<\/p>\n<p>Langsam gew\u00f6hne auch ich mich an die Atmosph\u00e4re im Heim und f\u00fchle mich wohl. Alle Bewohner sind demenzkrank und ich lerne die verschiedenen Formen und Entwicklungsstufen der Demenz kennen. Die Bewohner gew\u00f6hnen sich auch mehr oder weniger an mich, bin ich doch t\u00e4glich dort. Eine Bewohnerin kann noch sehr gut und sehr schnell gehen, spricht aber nicht. Als sie mich nach einigen Wochen anl\u00e4chelt, ist es ein Gl\u00fccksgef\u00fchl f\u00fcr mich. Irgendwann im Winter kommt sie mir im Flur entgegen. Ich nehme mit meinen eiskalten H\u00e4nden ihr H\u00e4nde und sie sagt: ,,Das gibt\u2019s doch nicht!\u201c , was f\u00fcr eine wundervolle Reaktion. Sie spricht !!! Sp\u00e4ter guckt sie zu uns ins Zimmer rein, sieht mich an und ich sage: ,,Meine H\u00e4nde sind wieder warm.\u201c, sie antwortet: ,,Dann ist gut.\u201c. Es sind solche kleinen Momente, die gl\u00fccklich machen.<\/p>\n<p>Die Meisten auf der Wohnebene kennen meinen Namen- die Pflegekr\u00e4fte sowieso- weil mein Mann mich sehr oft ruft, haupts\u00e4chlich Nachts, wenn er wieder mal gest\u00fcrzt ist. Er vermisst mich. Ich vermisse ihn auch und doch ist es die beste L\u00f6sung so. Er wird gut versorgt und es ist immer sofort Hilfe da. Er braucht oft Hilfe.<\/p>\n<p>Ja, und dann kommt der 13. M\u00e4rz und ich stehe vor verschlossener T\u00fcr. Corona! Besuchsverbot bis auf Weiteres! Damals ging man noch von 2.3 Wochen aus, aber weit gefehlt. Jetzt im Juni ist es immer noch so, allerdings mit leichten Lockerungen. Mein Mann versteht nicht, warum ich jetzt nicht mehr komme, nicht mehr kommen darf. Immer wieder Erkl\u00e4rungen. Wie soll er es auch verstehen, man versteht es ja selbst kaum. Die Pflegebed\u00fcrftigen haben ja keinen Bezug dazu. Sie erleben nicht das Tragen des Mundschutzes in Gesch\u00e4ften, Bussen usw., das Abstandhalten, dass man sich mit Mitgliedern verschiedener Haushalte nicht treffen darf und all diese bekannten Ma\u00dfnahmen. Ich bin froh, dass wir noch telefonieren k\u00f6nnen, wenn es auch nur 5 Minuten ist, weil er dann \u00fcberfordert ist und schlafen will. Aber wir h\u00f6ren uns! Oft muss das Pflegepersonal helfen, wenn er es wieder einmal nicht geschafft hat, den H\u00f6rer aufzulegen. Zum Gl\u00fcck ist es ein altes Telefon mit H\u00f6rer, denn mit einem Modernen w\u00fcrde er gar nicht mehr zurechtkommen. Er selbst ruft keinen an, er schafft es nicht mehr, kennt auch unsere Telefonnummer nicht mehr.<\/p>\n<p>Nach 8 endlos erscheinenden Wochen darf ich ihn am Zaun des Heimes besuchen. Er sitzt im Garten, ich stehe auf dem Parkplatz, 2m Entfernung. Was in dem Moment gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig in mir vorgeht, kann ich kaum beschreiben. Meine Tr\u00e4nen flie\u00dfen. Er versteht nicht, warum ich nicht reinkomme. ,,Das Tor ist verschlossen! Gleich holen sie dich, dann gehen wir in mein Zimmer.\u201c Sie holen mich nicht- ich wei\u00df es! Es sind die Vorschriften, die richtig sind, die ich total verstehe, weil diese Personen im Heim eine Vorgeschichte haben, weil sie gesundheitlich besonders gef\u00e4hrdet sind- und doch: es ist so schwer- f\u00fcr beide Seiten! ,,Wann kommst du wieder?\u201c, ich wei\u00df es nicht, ,,Hol mich heim!\u201c, es geht nicht. Es tut so weh. Das schlechte Gewissen meldet sich wieder.<\/p>\n<p>Eine gute Woche sp\u00e4ter d\u00fcrfen wir uns im Heim wiedersehen, in einem speziell eingerichtetem Besucherzimmer, an einem zwei Meter langen Tisch, mittendrin eine Plexiglasscheibe, eine Pflegekraft als Aufsicht dabei. Vorher H\u00e4nde desinfizieren, Mundschutz, Zettel ausf\u00fcllen, dass ich keinen Kontakt zu COVID 19-Patienten hatte und gesund bin. F\u00fcr 30 Minuten d\u00fcrfen wir uns sehen. F\u00fcr ihn reicht es. Nach 30 Minuten baut er ab und ist nicht mehr aufnahmef\u00e4hig. Ich soll mit in sein Zimmer kommen- wieder Erkl\u00e4rungen. Er wird mit dem Rollstuhl weggefahren, ich darf ihn nicht umarmen. Er will ein Abschiedsk\u00fcsschen. Wir d\u00fcrfen nicht. Wie soll er das alles verstehen?! Es tut richtig weh. Aber: Ich darf ihn weiterhin besuchen, immer nach Terminvergabe, immer f\u00fcr 30 Minuten und immer mit den gleichen Vorsichtsma\u00dfnahmen. Ich hoffe so sehr, dass diese schlimme Corona-Zeit, die mir ewig in Erinnerung bleiben wird, bald vorbei ist, dass alles wieder normal wird, dass ich meinen Mann wie anfangs regelm\u00e4\u00dfig besuche, ihn in den Arm nehmen kann, und dass ich auch die anderen Heimbewohner wiedersehe.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Lob und Dankesch\u00f6n geb\u00fchrt allen Mitarbeitern des Pflegeheimes. Sie k\u00fcmmern sich aufopferungsvoll und liebevoll um alle Bewohner. Sie m\u00fcssen so vieles auffangen, erkl\u00e4ren, tr\u00f6sten. Kein leichter Job, zu ,,normalen\u201c Zeiten nicht und jetzt erst recht nicht.<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n<div class=\"ap-custom-wrapper\"><div class=\"ap-each-custom\"><div class=\"ap-custom-label\">von<\/div><!--ap-custom-label--><div class=\"ap-custom-value\">Ilona Anst<\/div><!--ap-custom-value--><\/div><!--ap-each-custom--><\/div><!--ap-custom-wrapper-->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 2019 ist mein 80-j\u00e4hriger Mann in einem DRK-Pflegeheim aufgenommen worden. Ich habe ihn jahrelang selbst gepflegt, bis ich physisch und psychisch nicht mehr dazu in der Lage war. Er hatte vor Jahren einen Herzinfarkt, dazu folgten H\u00fcft-OP, Prostata-OP, Orbitalboden-OP nach Sturz, einige leichte Schlaganf\u00e4lle, immer wiederkehrendes Vorhofflimmern, Demenz, viele St\u00fcrze auf Grund seiner Bewegungseinschr\u00e4nkungen, St\u00f6rung des Tag- und Nachtrhythmus, Rollstuhl. 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