{"id":588,"date":"2020-09-15T08:42:25","date_gmt":"2020-09-15T06:42:25","guid":{"rendered":"https:\/\/coronageschichten.info\/?p=588"},"modified":"2020-09-15T08:50:20","modified_gmt":"2020-09-15T06:50:20","slug":"mit-kleinkind-in-der-corona-isolierzelle","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/coronageschichten.info\/?p=588","title":{"rendered":"Mit Kleinkind in der Corona-Isolierzelle"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine Zweij\u00e4hrige und ich landen im M\u00e4rz 2020 in den ersten Tagen des Lockdowns auf der Corona-Station eines s\u00e4chsischen Provinzkrankenhauses. Das Kind wirbelt die Betriebsabl\u00e4ufe durcheinander, und das Personal probt an uns den Ernstfall.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Corona-Verh\u00f6r und Verhaftung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Kind krampft am ganzen K\u00f6rper. Sein K\u00f6pfchen h\u00e4ngt schr\u00e4g nach vorne, Spucke rinnt aus dem halboffenen Mund. Ich halte es mit ausgestreckten Armen vor mir und wiederhole immer lauter seinen Namen. Doch meine Tochter reagiert nicht. Die Augen sind auf, aber ich finde keinen Blickkontakt. Mein Mann w\u00e4hlt die 112. Ich dr\u00fccke das bebende B\u00fcndelchen an mich und sinke auf einen K\u00fcchenstuhl. Durch die offene T\u00fcr h\u00f6re ich, wie mein Mann der Rettungsstelle die Symptome schildert. Meine Schwiegermutter dr\u00fcckt dem Kind einen nassen Waschlappen auf die Stirn. Dann l\u00e4uft sie hinaus, um dem Rettungswagen den Weg zu weisen. Die T\u00fcr klappt, f\u00fcr einen Moment wird die K\u00fcche leer mit Stille.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch schon h\u00f6re ich in der Ferne eine Sirene. Und tats\u00e4chlich wird sie lauter, kommt den Waldweg herauf, zu einem abgelegenen Haus im s\u00e4chsischen Nirgendwo. \u201eWahnsinn, in was f\u00fcr einem Land wir leben, wie die Dinge funktionieren\u201c, denke ich kurz. Schon hallen schnelle Schritte im Flur, schon \u00f6ffnet sich die K\u00fcchent\u00fcr, schon stehen zwei M\u00e4nner mit knallroten Westen und wei\u00dfen Hemden vor uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Einer der Sanit\u00e4ter kniet sich herunter. Das Kind h\u00e4ngt matt in meinem Arm, hat aber aufgeh\u00f6rt zu zittern. Und f\u00fcr den gro\u00dfen Mann in der roten Weste hat es sogar ein kleines L\u00e4cheln. Mein Mann und ich erz\u00e4hlen, dass unsere Tochter seit Tagen hustet und fiebert; jetzt das Krampfen und der starre Blick. \u201eWahrscheinlich ein Fieberkrampf. Das sieht gef\u00e4hrlicher aus, als es ist\u201c, beruhigt der Sanit\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob au\u00dfer dem Kind noch jemand von uns Fieber und Husten hat, will er dann wissen. Ich sage, dass ich die letzte Woche mit einer heftigen Erk\u00e4ltung flachgelegen habe, und schon sind wir mitten im Corona-Verh\u00f6r: \u201eWaren Sie in den letzten 14 Tagen in einem Corona-Risikogebiet? Hatten sie Kontakt zu einer Person mit Covid-19?\u201c \u2013 Wir sch\u00fctteln zu beidem den Kopf. \u2013 \u201eSie wohnen alle hier im Haus?\u201c \u2013 \u201eNein, nur die Oma. Wir zwei und das Kind sind eigentlich aus Dresden\u201c, geben mein Mann und ich kleinlaut zu. \u2013 Wie lange wir schon hier sind? \u2013 \u201eSeit einer guten Woche; als alles zumachte, haben wir beschlossen f\u00fcr eine Zeit aufs Land zu fahren.\u201c \u2013 Der Sanit\u00e4ter runzelt die Stirn, kommentiert unser Fehlverhalten aber nicht. \u201eDas Kind kommt jetzt ins Krankenhaus. Und Sie nehmen wir auch mit\u201c, sagt er dann. \u2013 Das Corona-Verh\u00f6r wird zur Corona-Verhaftung.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann tr\u00e4gt unsere Tochter nach drau\u00dfen. Ich schnappe Telefon und Zahnb\u00fcrste und laufe dann hinterher. Das Kind ist bereits im Fahrgastraum auf einer Liege festgeschnallt. Ich setze mich daneben und nehme seine Hand. Wir verlassen die Ein\u00f6de und rasen auf der kurvenreiche Landstra\u00dfe Richtung Norden. Die Kurven schaukeln meine Tochter in Schlaf. In der Ferne heult immer wieder eine Sirene. \u201eKomisch, so viele Notf\u00e4lle heute\u201c, denke ich. Dann erst merke ich, dass ich die ganze Zeit die Sirene des Krankenwagens h\u00f6re, in dem ich sitze. Sie ist seltsam leise \u2013 wir fahren den Schallwellen mit hohem Tempo davon. Die wenigen Autos, die vor uns auftauchen, ducken sich brav an den Stra\u00dfenrand bis wir vorbei sind. Ich frage mich, ob Tat\u00fctata und Tempo in einem vern\u00fcnftigen Verh\u00e4ltnis zur Gef\u00e4hrdungslage stehen. Doch da erreichen wir schon wohlbehalten das Klinikum der n\u00e4chstgelegenen Kleinstadt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Untersuchungshaft und Katastrophen\u00fcbung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir biegen im Schritttempo in den Geb\u00e4udekomplex ein und halten an einem eingeschossigen Flachbau. Dort werden wir bereits erwartet: Eine Schwester mit Mundschutz \u00f6ffnet meiner Tochter und mir die T\u00fcr, begr\u00fc\u00dft uns mit geb\u00fchrendem Abstand und f\u00fchrt uns ein St\u00fcck den Flur hinunter in unser Zimmer. Mit dem schlaftrunkenen Kind im Arm setze ich mich auf den einzigen Stuhl.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Minuten bekommen wir Besuch vom Stationsarzt. Meine Tochter ist mit einem Mal hellwach, schreit schrill und wedelt mit den \u00c4rmchen. Dann bricht sie in Tr\u00e4nen aus. Sie hat Angst vor dem Mann in der komischen Montur: Er tr\u00e4gt ein gr\u00fcnliches kn\u00f6chellanges \u201eKleid\u201c und orange Gummihandschuhe. Die Haare sind unter einer volumin\u00f6sen Haube versteckt; Mund und Nase mit einer Maske bedeckt. Der Mann guckt uns durch eine \u201eTaucherbrille\u201c an. Um die Stirn hat er ein durchsichtiges Visier geschnallt, das bis zur Brust hinunter reicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Er wiederholt die Fragen der Sanit\u00e4ter: Fieber? Husten? \u2013 Ich nicke. \u2013 Kontakt zu einem Corona-Infizierten? Aufenthalt in einem Corona-Riskiogebiet? \u2013 Nein. \u2013 Der Arzt schaut in meine Patientenakte: \u201eNaja, aber aus Dresden kommen Sie, da ist doch schon ein bisschen mehr los als bei uns.\u201c \u2013 Dresden scheint f\u00fcr das hiesige Empfinden also so eine Art Risikozone zu sein. \u2013 \u201eIch mache jetzt einen Abstrich und teste Sie auf das Virus. Dann haben wir morgen im Laufe des Tages Gewissheit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt zieht ein etwa 20 cm langes Watte-St\u00e4bchen aus einem R\u00f6hrchen: \u201eJetzt bitte den Mund aufmachen und einen gro\u00dfen Schluck Luft nehmen.\u201c Das St\u00e4bchen st\u00f6\u00dft tief in meinen Rachen. Ich w\u00fcrge und huste. Tr\u00e4nen schie\u00dfen mir in die Augen. Ruckartig drehe ich den Kopf weg. Doch das St\u00e4bchen wandert bereits zur\u00fcck ins R\u00f6hrchen. Meine Reaktion ist mir ein bisschen peinlich. \u2013 \u201eKeine Sorge, ein gesunder k\u00f6rperlicher Abwehrreflex\u201c, sagt der Arzt.<\/p>\n\n\n\n<p>L\u00e4chelt er dabei? \u2013 Schwer zu sagen. Die Schutzbekleidung versteckt Gesichtsz\u00fcge und Mimik. Wieviel ein Gesicht sonst doch erz\u00e4hlt: Ist mein Gegen\u00fcber freundlich, zum Scherzen aufgelegt? \u2013 Das Kind ist es jedenfalls nicht. Sein Weinen ist jetzt ein Br\u00fcllen. Ich erinnere den Arzt daran, dass wir doch eigentlich nicht meinet-, sondern meiner Tochter wegen hier sind. \u2013 Er wiegt bedenklich mit dem Kopf: Ein Kind muss von einem Kinderarzt untersucht werden. Doch als Corona-Verdachtsf\u00e4lle d\u00fcrfen wir unser Zimmer nicht verlassen. Ein Kollege aus der Kinderstation muss geholt und eingewiesen werden. \u2013 Der Arzt geht, das Kind beruhigt sich. Es ist mittlerweile recht munter, tappelt Richtung Ausgang, sagt \u201eAuf, auf!\u201c und will das T\u00fcr-auf-T\u00fcr-zu-Spiel spielen, das es zur Zeit so erfreut. Ich erkl\u00e4re, dass die Zimmert\u00fcr zu bleiben muss und zeige die T\u00fcr zur Bad-Kabine. \u2013 Meine Tochter ist zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Weile ist wieder Bewegung vor unserem Zimmer: Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich einen Spalt, wird nochmals zugezogen, bleibt aber angelehnt. Ich spitze die Ohren und h\u00f6re die Vorschriften zum Betreten von Corona-Zimmern: Vor jeder T\u00fcr steht Einweg-Schutzbekleidung bereit. \u2013 Kittel, Kopfbedeckung, Atemschutzmaske, Brille und Handschuhe. Alles wird jedesmal aufs Neue angelegt, beim Verlassen des Raumes in die M\u00fclltonne an der T\u00fcr geworfen. Hinein zum Patienten darf jeweils nur eine Person, niemals mehrere gleichzeitig. Dann noch ein Rascheln, ein Kichern, die T\u00fcr schwingt auf, die Kinder\u00e4rztin ist bei uns. \u201eWir m\u00fcssen selber erst lernen, wie das hier alles geht,\u201c sagt sie. Dann steckt sie meiner schreienden Tochter ebenfalls ein Watte-St\u00e4bchen in den Hals, horcht den kleinen Brustkorb ab und ordnet ein R\u00f6ntgen der Lunge an.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil wir aus unserem Zimmer nicht raus d\u00fcrfen, muss ein mobiles R\u00f6ntgenger\u00e4t her. Zwei Schwestern bringen die gro\u00dfe Maschine und schon st\u00f6\u00dft das Hygiene-Reglement an seine Grenzen: Schwester eins weist Schwester zwei darauf hin, dass nur jeweils eine Person im Patientenzimmer zu sein habe. \u2013 \u201eWie soll das aber gehen?\u201c, gibt Schwester zwei zur\u00fcck: Eine m\u00fcsse schlie\u00dflich das Kind in Position bringen, die andere den eineinhalb Meter entfernten Ausl\u00f6ser bet\u00e4tigen. \u201eGeht da jetzt die Welt unter, wenn ich im Raum bin und den Knopf dr\u00fccke?\u201c, setzt sie nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche zu schlichten: Ob <em>ich<\/em> vielleicht mein Kind halten soll? \u2013 \u201eGeht nicht, Sie haben keine Bleisch\u00fcrze. Und die unter unserer Schutzkleidung k\u00f6nnen wir Ihnen nicht geben, die w\u00e4re ja dann kontaminiert.\u201c \u2013 Schlie\u00dflich einigen sich die Schwestern doch, das Bild gemeinsam zu machen; zumal man nun eh schon zu zweit im Zimmer sei. \u2013 Doch das n\u00e4chste Problem bin ich: \u201eOhne Strahlenschutz k\u00f6nnen Sie \u00fcberhaupt nicht hier im Raum sein\u201c, sagt wieder Schwester eins.\u2013\u00a0 \u201eSie d\u00fcrfen aber wegen Corona auch nicht aus Ihrem Zimmer raus\u201c, sagt Schwester zwei. \u2013 Wir gucken uns ratlos an. Dann f\u00e4llt der Blick von Schwester eins auf die Bad-Kabine. \u201eSind Sie schwanger?\u201c, fragt sie mich. Ich sch\u00fcttle den Kopf und gehe in Deckung. \u2013 Ich f\u00fchle mich wie ein \u00dcbungspatient in einer Katastrophen\u00fcbung, bei der vieles nicht eingespielt ist und vieles nicht nach Plan l\u00e4uft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hafterleichterung und Entlassung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als die Kinder\u00e4rztin am n\u00e4chsten Tag wieder zu uns ins Zimmer kommt, tut sie es \u2013 entgegen jeder Vorschrift \u2013 komplett unverh\u00fcllt. Sie strahlt: \u201eIch habe gute Nachrichten! Eben kam Ihr Testergebnis. Sie sind beide Corona-negativ.\u201c Die Blutwerte und R\u00f6ntgenbilder meiner Tochter deuten auf eine leichte Lungenentz\u00fcndung hin. Wir werden aus der Corona-Station entlassen und verbringen noch einen Tag auf der Kinderstation. Weiteren Patienten begegnen wir dort nicht. Andere Kinderstimmen sind nicht zu h\u00f6ren, die Flure sind gespenstisch leer. Und auch uns schickt man heim: Eine normale Lungenentz\u00fcndung sei nichts, weswegen man im Krankenhaus sein m\u00fcsse; schon gar nicht in dieser Zeit. Das Kind soll sich in Ruhe zu Hause auskurieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich packe unsere Habseligkeiten und verlasse mit meiner Tochter an der Hand das Geb\u00e4ude. Mein Mann erwartet uns auf dem Parkplatz. Wir fahren durch menschenleere Stra\u00dfen, das St\u00e4dtchen liegt still wie im Dornr\u00f6schen-Schlaf. Auf der Bundesstra\u00dfe nach Hause begegnet uns kaum ein Auto. Ist das die Ruhe vor dem Sturm? Geht die Katastrophen\u00fcbung in die Katastrophe \u00fcber? \u2013 Vorerst sind wir frei, erleichtert und \u2013 zumindest was Corona angeht \u2013 gesund.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>von Dr. Maria Magdalena Verburg<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Meine Zweij\u00e4hrige und ich landen im M\u00e4rz 2020 in den ersten Tagen des Lockdowns auf der Corona-Station eines s\u00e4chsischen Provinzkrankenhauses. 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